Eines Morgens stand ich vor meiner Schublade mit den Kompressionsstrümpfen – und spürte Widerwillen. Ich beschloss: „Heute ziehe ich sie später an.“ Aus 16 Stunden wurden 12. Dann 8, 6, 4 … und schließlich 0 Stunden. Ich trug keine Kompression mehr – zum ersten Mal seit über 15 Jahren.
Meine Beine fühlten sich weich an, fast wabbelig, nackt – und so anders.
Ich spürte den Stoff meiner Hose direkt auf der Haut, den Wind, die Wärme, die Bewegung der kleinen Härchen, wenn sie sich leicht im Luftzug bewegten. Ich spürte wieder – meinen Körper, mein Leben.
So unschön meine Beine für mich lange waren, sah ich sie jetzt mit einem anderen Blick. Nicht mehr mit Scham, sondern mit tiefer Dankbarkeit. Sie waren da. Sie trugen mich. Sie fühlten.
Das schönste Gefühl war an einem sonnigen Tag, als ich plötzlich das Bedürfnis hatte, meine Socken auszuziehen – und barfuß über das Gras zu laufen.
Etwas, das ich 15 Jahre lang nicht getan hatte. Ich hatte immer Kompression getragen – selbst im Hochsommer, oft mit zusätzlichen Socken darüber, um sie zu schützen. Strandurlaub war nur einmal und nie wieder - kein Relaxen, sondern Dauerstress und Schmerzen, nicht wegen den Kindern, sondern wegen den Symptomen vom Lipödem - Horror.
Doch jetzt fühlte ich das Gras zwischen den Zehen, die Sonne auf meiner Haut – und zum ersten Mal seit Ewigkeiten: Freiheit.
Rückblickend ist das alles in einer so kurzen Zeit passiert, dass ich oft selbst noch mit dem Kopf schütteln muss und ich es so unfassbar faszinierend finde, was da passiert ist.